|
Website von Michael Rothschuh |
|
|
von Michael Rothschuh Kap. 6 - Aufgaben, Tätigkeiten und Methoden Sozialarbeit/ Sozialpädagogik ist geprägt durch eine Vielfalt von Arbeitsbereichen, Zielgruppen und Problemsituationen.
Sozialarbeit/ Sozialpädagogik hat im Schnittfeld von sozialen Problemen, Bildung und Sozialisation, sowie Menschenrechten und sozialen Rechten das Ziel, die Handlungsfähigkeit der Menschen in ihrem sozialen Kontext zu entwickeln, zu stärken, zu erhalten oder wiederherzustellen. Anders: Soziale Arbeit hat die Kompetenz, unter schwierigen Bedingungen soziale Beziehungen zu stiften, wiederherzustellen und zu stützen.
Sozialarbeit/ Sozialpädagogik kann verstanden werden als Profession, die einen spezifischen Beitrag zur Prävention, Bewältigung und Lösung sozialer Probleme leistet. Sie bezieht sich auf einzelne Menschen, auf Familien, Gruppen, Institutionen und Gemeinwesen sowie berufstypisch auf die Verknüpfung dieser Ebenen. Soziale Probleme sind z.B. Armut, Arbeitslosigkeit und unzureichende Wohnverhältnisse, unzureichende Sozialisationsbedingungen, Konflikte in Familien, Gruppen, Institutionen und Gemeinwesen, Straffälligkeit, Abhängigkeit von Drogen, Ausgrenzung von alten Menschen oder Behinderten. Soziale Probleme entstehen auf der zwischenmenschlichen Ebene, in der Wirtschaft und Politik eines Land oder als Weltprobleme, wie z.B. Migration, Bürgerkriege und Verfolgung. Soziale Arbeit befaßt sich in Situationen mit den sozialen Problemen, die unmittelbar die einzelnen Menschen, Familien und Gruppen in ihren sozialen Bezügen betreffen. Dazu gehört es z.B., wenn Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen in Konflikten vermitteln, Menschen bei der Beschaffung von Lebensunterhalt und Wohnraum unterstützen oder wenn sie sich für Integrationsmöglichkeiten von Behinderten in einer Gemeinde einsetzen. Soziale Arbeit kann soziale Probleme kaum generell "lösen", weil sie diese mit ihrem eigenen Instrumentarium nicht unmittelbar erreichen kann. Sie hat eine doppelte Aufgabe: zum einen soll sie die Menschen darin unterstützen, ihre Handlungsmöglichkeiten, Rechte und Chancen sowie die möglicherweise verschütteten eigenen Ressourcen zu erkennen, zu entfalten und wahrzunehmen; zum anderen soll sie in netzwerkbezogener Arbeit mit dem sozialen Umfeld und auch im politischen Gemeinwesen dazu betragen, die Lebensbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen zu verbessern.
Sozialarbeit/ Sozialpädagogik vermittelt Sozialisation und Bildung, indem sie Möglichkeiten organisiert und fördert, in denen sich Menschen individuell und in Gemeinschaft miteinander die "Welt aneignen". So werden z.B. in der offenen Jugendarbeit junge Menschen dabei unterstützt, soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln und Informationen zu gewinnen, um selbst einen Platz in sozialen Gruppierungen und den Weg in ein selbständiges Leben zu finden. Die Unterstützung bezieht sich dabei nicht nur auf die Vermittlung von Wissen, sondern auch auf die Verarbeitung von Gefühlen und Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten. Soziale Arbeit ermöglicht so "Selbstbildung in sozialen Praktiken". Ziel der Sozialen Arbeit ist nach einem Wort von Alice Salomon, einer der Begründerinnen der beruflichen Sozialen Arbeit, daß sie "die Kunst des Lebens lehren" solle. Die Methoden der Sozialen Arbeit "sind didaktische Arrangements und Verfahren, die darauf gerichtet sind, Menschen zu befähigen, sich aktiv und schöpferisch mit ihrer sozialen Umwelt, mit anderen Menschen in sozialen Kleingruppen und mit den Problemen von Nachbarschaft und Stadtteil auseinanderzusetzen und dabei kompetent für die eigenständige Gestaltung des Lebens zu werden." Sozialarbeit/ Sozialpädagogik stellt Angebote zur Verfügung, mit denen Menschen bei Sozialisationsaufgaben und Statuspassagen unterstützt werden, wenn die Anforderungen an sie ihre Möglichkeiten überschreiten, wenn Brüche in der lebenslangen Sozialisation stattgefunden haben und diese von ihnen in ihren primären Netzen wie Familie, Freundschaften, Nachbarschaften und kollegialen Beziehungen nicht allein zu bewältigen sind. Dies geschieht z.B. in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Behinderten, alten Menschen in Heimen, bei der Reintegration von Straffälligen oder in der Gemeinwesenarbeit. Soziale Arbeit hat dabei vorbeugende, helfende, begleitende und resozialisierende Aufgaben. Sie leistet einen Beitrag zur Realisierung des Rechtes auf Bildung und hat sich in Teilbereichen zu einer weitgehend eigenständigen Bildungs- und Sozialisationsinstanz entwickelt, wie z.B. in der Elementarerziehung, der Jugendarbeit oder der Familienbildung.
Sozialarbeit/ Sozialpädagogik gründet sich auf grundlegende Werte, die in den sehr unterschiedlichen Traditionen vor allem des Christentums, des Sozialismus und des Liberalismus entwickelt worden sind. Dazu gehören die Menschenrechte, die ihren Niederschlag z.B. in der Charta der Menschenrechte und im Grundgesetz gefunden haben ebenso wie die sozialen Grundrechte, die nur teilweise und unvollständig formuliert und im Sozialstaat realisiert sind. Unmittelbar bindenden Ausdruck finden diese Rechte im Sozialgesetzbuch (SGB) und den die Sozialarbeit/ Sozialpädagogik leitenden Gesetzen. Die Tätigkeit der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik zielt darauf ab, Menschen die Möglichkeit zu einem menschenwürdigen Leben zu sichern oder zu verschaffen, Sozialarbeit/ Sozialpädagogik ist als Beruf der Menschenwürde vor allem benachteiligter Menschen, Gruppen und Ethnien verpflichtet, zu der die individuelle Entfaltung ebenso gehört wie die akzeptierte Zugehörigkeit zu Gruppen und Gemeinwesen. Die Tätigkeit der Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen richtet sich auf Rechtswahrung und Rechtsverwirklichung d.h. darauf, daß die Menschenrechte, sozialen Rechte und die Ansprüche der Menschen auf Bildung in ihrem Leben konkrete Wirklichkeit werden. Sie hat unterstützende Aufgaben, wenn vorhandene Rechte nicht wahrgenommen werden, sie vermittelt Fähigkeiten und Kenntnisse für das Leben im oft verwirrenden "Dschungel" des Sozialsystems, sie bringt sozialarbeiterische/ sozialpädagogische Argumentationen in juristische Auseinandersetzungen ein. Dies ist z.B. bei der Regulierung von Schulden ebenso notwendig wie bei der Beschaffung eines Therapieplatzes für Drogenabhängige, bei der Sorge für mißhandelte Kinder wie bei der Planung des Jugendhilfeangebots einer Gemeinde. Menschenrechte und Teilhaberechte hat Soziale Arbeit besonders dort zu wahren, wo sie selbst in Machtbeziehungen eingebunden ist und Macht über Menschen ausübt, wie z.B. in Heimen, Obdachloseneinrichtungen, der Psychiatrie, Strafanstalten und bei "hoheitlichen" Aufgaben in den Jugend- und Sozialämtern.
Soziale Arbeit hat das "Soziale" zum Gegenstand, d.h. das soziale Verhalten der Menschen wie die sozialen Verhältnisse der Gesellschaft. Sie sieht die Menschen in ihrem Bezug zu anderen Menschen und zur Gesellschaft. Sie betrachtet deshalb nicht nur die Situation der jeweiligen Personen, mit denen sie arbeitet, sondern auch die Lebensvorstellungen, Bedürfnisse und Interessen anderer Menschen, der Familien, Gruppen und Gemeinwesen. So versuchen Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen z.B. in einer Scheidungssituation die Perspektiven der verschiedenen Beteiligten miteinander in Beziehung zu setzen und nicht nur die Situation einer Person im Blick zu haben. Das Ziel der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik ist es, Menschen dahingehend zu unterstützen, daß sie möglichst zur vollen Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihrer Kräfte und Möglichkeiten gelangen, daß sie sich aus nicht notwendiger Abhängigkeit lösen und Brüche sowie problematische Entwicklungen der Sozialisation ebenso wie Benachteiligungen und Unterprivilegierungen überwinden. Sozialarbeit/ Sozialpädagogik orientiert sich an den Zielvorstellungen einer auf den Ideen und Grundwerten der Freiheit, Gleichheit, sozialen Gerechtigkeit, Solidarität und des Abbaus von überflüssiger Herrschaft begründeten Gesellschaft. Deshalb ist ihre Arbeit zugleich auf die Ermöglichung der Veränderung des sozialen Verhaltens wie der sozialen Verhältnisse gerichtet. Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen handeln oft in Situationen, die durch widersprüchliche Interessen gekennzeichnet sind, wie z.B. dem Bedürfnis nach Hilfe und der Forderung von Kontrolle und Disziplinierung, dem Bedürfnis nach freier Entfaltung der Persönlichkeit und den Notwendigkeiten der Anpassung an rechtlich vorgegebene Handlungsmuster, den Rechten und Bedürfnissen Einzelner und den begrenzten finanziellen Möglichkeiten. Sozialarbeit/ Sozialpädagogik steht oft zwischen den unterschiedlichen Lebensvorstellungen und Interessen in Gruppen, Familien, Institutionen und Gemeinwesen und muß mit einem "doppelten Mandat" umgehen, nämlich gegensätzlichen Erwartungen des Anstellungsträgers und der politischen wie Medien- Öffentlichkeit einerseits, der Menschen, mit denen sie arbeitet, andererseits. Zunehmend ist Soziale Arbeit mit Konflikten innerhalb, aber auch zwischen verschiedenen Kulturen konfrontiert. Sie hat die Aufgabe, die verschiedenen Perspektiven miteinander in Beziehung zu setzen. Soziale Arbeit kann sich den Widersprüchen weder durch eine neutrale Expertenposition noch durch umstandslose Parteilichkeit entziehen, sondern muß sich in den Widersprüchen kompetent bewegen auf der Grundlage entwickelter Fachlichkeit und der reflektierten Bindung an Werte, die den Beruf Sozialarbeit/ Sozialpädagogik prägen
In der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik gleicht kaum ein Arbeitsplatz einem anderen, nicht einmal dann, wenn die Einrichtungen den gleichen Namen tragen. Die Tätigkeiten der Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen unterscheiden sich zum einen aufgrund der Anforderungen, die an sie von den in sich sehr differenzierten Zielgruppen gestellt werden - es gibt nicht "die" Kinder oder "die" arbeitslosen Menschen oder "die" Drogenabhängigen - sowie aufgrund der unterschiedlichsten örtlichen, rechtlichen und finanziellen Gegebenheiten. Zum anderen entwickeln Anstellungsträger wie auch die einzelnen Einrichtungen und Arbeitsteams, in denen Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen arbeiten, höchst unterschiedliche Arbeitsstrukturen, Arbeitskonzepte und Arbeitsteilungen. Schließlich sind Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen in ein Netz von Institutionen und Berufen eingebunden, in dem sie jeweils ihr Handlungsfeld und ihre Handlungsbegrenzungen finden müssen. "Allgemeine Tätigkeitsmerkmale" bezeichnen also nicht das, was alle Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen tun, sondern das Spektrum, in dem sich sozialarbeiterisches/ sozialpädagogisches Handeln bewegt. Die einzelnen Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen handeln in einem jeweils spezifischen Ausschnitt und in spezifischer Kombination von Tätigkeiten, die sich auch im Laufe ihrer Berufstätigkeit erheblich verändern. Komplexität, Schwierigkeit, Bedeutung, Belastung und Verantwortlichkeit der jeweiligen beruflichen Arbeit läßt sich daher kaum aus den allgemeinen Tätigkeitsmerkmalen ableiten.
Die Arbeit der Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen ist im wesentlichen durch folgende Merkmale zu kennzeichnen:
Die berufliche Arbeit von Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen kann als jeweils arbeitsfeld- und arbeitsplatzabhängig unterschiedliche Kombinationen von drei Rollen beschrieben werden, zu denen u.a. folgende Tätigkeiten gehören können:
Schaubild: Berufsrollen und Tätigkeiten |
|
Impressum: Michael Rothschuh, Ilenbrook 24, 21107 Hamburg, Tel. 0049 (0)40 6520296 |