Ausblick von der Wohnung auf den SpreehafenMichael Rothschuh 2009 in der HAWK

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Soziale Arbeit als Beruf

von Michael Rothschuh

 

Kap. 9 - "Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück"- Absolventen auf dem Arbeitsmarkt

Trends

1. Die Zahl der Diplom- SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen (FH) wächst kontinuierlich.

Schaubild 1: Sozialversicherungspflichtig beschäftigte FH-Absolventen in den sozialpflegerischen Berufsgruppen (861-864), Datenbank ATOS und eigene Berechnungen

Die tatsächliche Zahl der berufstätigen AbsolventInnen liegt erheblich höher, weil hier nur das Feld der sozialpflegerischen Berufe nach der Arbeitsamtsstatistik erfaßt ist. 

Zusammen mit den in weiteren Arbeitsfeldern Beschäftigten stehen nach dem Mikrozensus 1995 etwa 100.000 Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen (FH) im Beruf. Ihre Zahl ist in der Vergangenheit ständig gestiegen, und zwar nahezu unabhängig von konjunkturellen und strukturellen Krisen. Sozialarbeit/ Sozialpädagogik gehört mit einer Verdreifachung der Beschäftigtenzahlen innerhalb von 20 Jahren zweifellos zu den "Beschäftigungsgewinnern".

Das Wachstum beruht einerseits auf der Erweiterung sozialer Rechte, dem Ausbau des Bildungswesens, der Expansion von Beratungs-, Hilfe- und Erziehungseinrichtungen, andererseits dem Bedeutungsverlust traditioneller Gesellungsformen wie der Familie und auf der Zunahme sozialer Probleme und ihrer Komplexität. In den letzten Jahren hat die Einbeziehung der ostdeutschen Länder in die Bundesrepublik zu einen Ausbauschub der Sozialen Arbeit und ihrer Institutionen geführt.

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Arbeitslosigkeit

Andererseits hat es in den letzten Jahren durchaus eine erhebliche Anzahl von Arbeitslosen in der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik gegeben; neben der registrierten Arbeitslosigkeit muß berücksichtigt werden, daß viele das Berufsfeld der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik verlassen oder unterhalb ihrer Ausbildungsstufe beschäftigt sind. Zudem arbeitet ein erheblicher Anteil der Beschäftigten auf Teilzeitstellen oder auf zeitlich begrenzten Stellen. Vor allem in Ostdeutschland sind viele ungesichert beschäftigt.

Die Arbeitslosenzahl bleibt- anders als bei anderen FH- Abschlüssen- in den letzten Jahren stabil, im Verhältnis zu den Beschäftigten sinkt sie kontinuierlich:

Schaubild 2: Entwicklung der arbeitslosen FH-AbsolventInnen, nach den Daten der ANBA 6/1996

Beschäftigungsprognosen für die Zukunft müssen widersprüchliche Tendenzen berücksichtigen: Auf der einen Seite wird der Bedarf an Sozialer Arbeit zunehmen, weil sich die generelle Entwicklung zu sozialen Dienstleistungen nicht umkehren wird und personenbezogene Dienstleistungen nur begrenzt rationalisierbar sind. Nicht zuletzt gibt es viele Anzeichen, daß sich soziale Problemlagen vermehren werden.

Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch eine Reihe von Risiken für den Arbeitsmarkt:

  • Die Zahl der Studierenden im Sozialwesen hat erheblich zugenommen, so daß das Angebot an Stellen überproportional wachsen müßte, um allen AbsolventInnen einen direkten Berufseinstieg auf festen Arbeitsstellen zu ermöglichen.
  • In den Fachhochschul- Studiengängen der Sozialen Arbeit studieren derzeit nahezu 50.000 Studierende, davon mehr als zwei Drittel Frauen.
  • Die öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Kommunen, Sozialversicherungen, Kirchen) werden auf mittlere Sicht gezielt nach Einsparmöglichkeiten suchen. Dies kann, je nach politischen Entscheidungen, zur Reduktion von Leistungen, die gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben sind, zur globalen Kürzung aller Leistungen oder zur Absenkung von Standards führen. Die freien Träger sind in der Regel eng an die öffentlichen Haushalte gebunden, so daß im "Dominoverfahren" auch sie davon betroffen sind.
  • Von der künftigen politischen Diskussion hängt das generelle und sich in Gesetzen und Haushalten ausdrückende Verständnis vom Sozialstaat ab. Ein Einschnitt in das Netz der Sozialen Sicherung gefährdet einerseits auch personenbezogene soziale Leistungen und Hilfsangebote, erzwingt diese aber aufgrund zunehmender ungesicherter Armutslebenslagen auch.
  • Öffentliche Aufgaben werden zunehmend in der Form von Dienstleistungen erbracht werden, wobei die Strukturen stärker ökonomisiert werden und Wettbewerb zwischen Anbietern erfolgen wird. Die Leistungsanbieter werden mit Qualität und Preis konkurrieren und diese Kriterien auch bei der Einstellung von Fachkräften anwenden.
  • Es konkurrieren verschiedene Ausbildungen und Berufe um das gleiche Arbeitsmarktsegment.
  • Der Markt wird sich zumindest zu den Nachbarländern öffnen. Diese aber kennen zum Teil stärker nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeitende und zum Teil sehr spezialisierte Träger, so daß deren Strukturen auch den Binnenmarkt bestimmen werden. Dies bedeutet unter anderem., daß die langfristige Arbeitsplatzsicherheit der einzelnen gefährdet sein kann.

Die Konsequenz, die Ausbildungsgänge und Studierende aus diesen Risiken ziehen sollten, ist nicht die Konzentration auf vermeintlich sicherere Nischen des Arbeitsmarktes, sondern der Erwerb einer klar beschreibbaren, wissenschaftlich fundierten generellen Handlungskompetenz mit der Fähigkeit, sich neue Strukturen zu erarbeiten, anzueignen und zu entwickeln. Notwendig wird lebenslanges Lernen, insbesondere in berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildungen sein.

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Berufsdomänen in der Jugendhilfe
Die Rolle, die Sozialarbeit/ Sozialpädagogik spielt, kann man etwas genauer erkennen, wenn man hinsieht, auf welchen Arbeitsplätzen Sozialarbeiterinnen/Sozialpädagoginnen tätig sind. In der Jugendhilfestatistik sind dazu einige Anhaltspunkte zu finden.

Zunächst die Entwicklung der Arbeitsplätze in den verschiedenen Arbeitsbereichen

Schaubild 3  Dipl.- SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen (FH) und Dipl-PädagogInnen in den Arbeitsbeeichen der Jugendhilfe, nach Statistik der Jugendhilfe , Einrichtungenund tätige Pesonen 1994, und eigene Berechnungen
Nun die "Berufsdomänen", die ich vorläufig dadurch definieren möchte, daß ein großer Anteil der in diesem Bereich Arbeitenden Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen sind.
Schaubild 4 :Berufsdomänen der Dipl- SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen (FH) in derJugendhilfe
Berufsdomänen, in denen SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen die Berufskräfte "erster Wahl" sind, sind vor allem Bereiche, bei denen die Kombination von psychologischen und pädagogischen Fähigkeiten, Rechts-, Leitungs- und Organisationskompetenz und Wissen zu sozialen Problemen und ihren Lösungsmöglichkeiten gefordert ist. Hinzu kommen berufliche Traditionen und gesetzliche Anforderungen an Fachlichkeit, die die staatlich anerkannten SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen mit einem Diplom der FH in bestimmten Bereichen zu den quasi selbstverständlichen Berufsträgern werden lassen. In diesem Berufsdomänen stehen SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen praktisch außer Konkurrenz.

In anderen Feldern zeigen sich offene Flanken des Berufs, bei überwiegend Organsiationspositionen gegenüber den Verwaltungskräften, im Bildungsbereich gegenüber Universitäts- AbsolventInnen verschiedener Fachrichtungen, im therapeutischen Feld gegenüber Psychologen und nichtärztlichen Heilberufen, vor allem aber im Erziehungsbereich gegenüber ErzieherInnen. So sinkt vor allem in dem wachsenden Feld der vorschulischen Erziehung die absolute Zahl der SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen und mehr noch ihr relatives Gewicht gegenüber anderen Berufsgruppen; zudem werden die SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen hier teilweise in der Funktion von ErzieherInnen eingestellt. In den neuen Bundesländern haben SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen in Kindertagesstätten bisher keine Bedeutung .

Ob sich die Etablierung der FH-AbsolventInnen auch in einer entsprechenden Fachlichkeit ihrer konkreten Arbeit niedergeschlagen hat, wäre sicher je nach Arbeitsfeld, nach gesetzlichem und institutionellen Auftrag, nach Träger und nach individueller Kompetenz unterschiedlich zu beantworten. Manches spricht dafür, daß Sozialarbeit/ Sozialpädagogik in der Praxis oft weit hinter den dargestellten Ansprüchen an "Multifunkionalität" zurückbleibt und sich eher monofunktional in Vollzugsrollen darstellt. Wolff erkennt im von ihm beobachteten Verhalten der SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen im Vergleich zu anderen Berufen eine "defensive Professionalität"

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Hinweis auf aktuelle Zahlen zum Arbeitsmarkt

Einkommensverhältnisse

Die Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen (FH) im öffentlichen Dienst werden als Beamte besoldet oder erhalten eine Vergütung nach dem Bundesangestelltentarifvertrag (BAT). Die freien Träger zahlen überwiegend nach Regelungen, die gleich hohe Vergütungen vorsehen, bei den Kirchen gelten an den BAT angelehnte Arbeitsvertragsrichtlinien. Die privat- gewerblichen Träger können sich nach dem Bundesangestelltentarifvertrag richten, sind aber nicht an ihn gebunden

Hier können nur die Grundstrukturen des BAT dargestellt werden, da es sich beim Tarifrecht um ein sehr komplexes Recht handelt.

Die Grundvergütung, der wichtigste Bestandteil der Vergütung, erhöht sich im Abstand von zwei Jahren, bis die SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen, meist im Alter von 40 bis 50 Jahren- die Endstufe der Grundvergütung erreichen.

Die Höhe der Grundvergütung hängt von der Vergütungsgruppe an, in der die Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen eingruppiert sind. Die Eingruppierung richtet sich nach den Tätigkeitsmerkmalen der Vergütungsordnung. Diese sieht eine höhere Vergütungsgruppe bzw. einen Aufstieg vor, wenn die Tätigkeiten der SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen einen höheren Grad an "Schwierigkeit", "Bedeutung" und "Verantwortung" aufweisen.

Vergütungsgruppe

Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen

besondere Funktionen1

V b BAT

Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen mit staatlicher Anerkennung (SAP)

und entsprechender Tätigkeit

Leiterinnen von Kindertagesstätten (KiTa) mit mind. 40 Plätzen

ständige Vertreter von Leitern von KiTa mit mind. 70 Plätzen

IV b BAT

SAP in entsprechender Tätigkeit nach zweijähriger Bewährung in Vb

Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen, wenn sie schwierige Tätigkeiten ausüben

(genannt werden als Beispiel:

-Beratung von Suchtmittel- Abhängigen

-Beratung von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken

-Fürsorge für Strafgefangene

-Fürsorge für Heimbewohner

Koordinierung der Arbeiten mehrerer Angestellter der Gruppe Vb)

Bewährungshelfer

Leiter von Erziehungsheimen

ständige Vertreter von Leitern von Erziehungsheimen

Leiter von KiTa in spezifischen Fällen (Größe, Zielgruppe)

IV a

SAP, deren Tätigkeit sich durch besondere Schwierigkeit und Bedeutung aus IVb heraushebt

Leiter von Erziehungsheimen nach vier Jahren

Leiter von spezifischen Erziehungsheimen (u.a. Größe, Zielgruppe)

Leiter von KiTa in spezifischen Fällen, z.T. nach vierjähriger Bewährung

III

SAP, deren Tätigkeit sich durch das Maß der damit verbundenen Verantwortung erheblich aus IVa heraushebt

SAP nach IVa nach vier Jahren

Leiter von Erziehungsheimen gemäß IVa nach vier Jahren

Leiter von Groß-KiTas nach vier Jahren

IIa

SAP deren Tätigkeit sich durch das Maß der damit verbundenen Verantwortung erheblich aus IVa heraushebt, nach fünfjähriger Bewährung

Leiter von Erziehungsheimen aus III nach vierjähriger Bewährung

  1. diese sind nicht unbedingt an den Abschluß als Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen gebunden sind

  • Eingruppierung im öffentlichen Dienst (Auszug)

Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen, die nicht als solche eingestellt werden und keine Tätigkeit ausüben, die als ihrem Beruf entsprechend gilt, werden nicht nach diesen Regelungen bezahlt. Kräfte in Spitzenpositionen können außertarifliche Vereinbarungen mit den Arbeitgebern treffen.

Die Praxis der Eingruppierung ist bei den verschiedenen Trägern unterschiedlich.

Berufspraktikantinnen der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik im öffentlichen Dienst erhalten 1996 ca. 2500 DM, gegebenenfalls zuzüglich eines Verheiratetenzuschlags (gilt auch für Alleinerziehende) von ca 110 DM.

Staatlich anerkannte Diplom- Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen erhalten bei Einstellung in eine entsprechende Tätigkeit nach der Ausbildung je nach Familienstand und Alter etwa folgende Beträge:

Stand 1.9.19971

BAT V b

BAT IV b

BAT III

ledig, BAT-Alter2 25 Jahre, alte Bundesländer

3685 DM

4054 DM

4703 DM

verheiratet, 2 Kinder, BAT-Alter 45 Jahre, alte Bundesländer

4123 DM

5632 DM

6836 DM

ledig, BAT-Alter 25 Jahre, neue Bundesländer

3133 DM

3446 DM

3998 DM

verheiratet, 2 Kinder, BAT-Alter 45 Jahre, neue Bundesländer

3504 DM

4788 DM

5742 DM

  1. hinzu kommen, abhängig vom Arbeitsplatz zum Teil Zulagen
  • Dieses entspricht nicht immer dem tatsächlichen Alter, weil Tätigkeiten außerhalb des öffentlichen Dienstes nur begrenzt angerechnet werden. Dabei verringert sich die Vergütung, wenn der Beruf erst spät aufgenommen worden ist oder die Berufszeiten länger unterbrochen sind.

Einkommensverhältnisse 1996

Diese Beträge gelten bei voller Beschäftigung in einer Regelarbeitsstelle. Eine empirische Untersuchung über den Absolventenjahrgang 1988/1989 hat folgende Einkommensverhältnisse ergeben:

Bruttoeinkommen

in DM

4 Jahre nach der Ausbildung(1993) in %

bis 2000

6

2000-2500

12

2500-3000

6

3000-3500

12

3500-4000

23

4000-4500

26

4500-5000

12

über 5000

4

Tabelle: Bruttoeinkommen 4 Jahre nach der Ausbildung

Bei freien Mitarbeiterinnen wird ein sehr unterschiedliches Honorar bezahlt. Ganz unterschiedlich ist auch das Einkommen bei privat- gewerblichen Trägern und bei den selbständigen Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagoginnen, die es bisher nur in geringem Umfang gibt.

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