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"Handlungs-mächtige soziale Beziehungen stiften" - Workshop bei der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit, 30.11. 2001, zum Thema: "Quartiersmanagement und Gemeinwesenarbeit" Von Hille Richers und Michael Rothschuh 1. Facetten des Quartiersmanagements 2. Unterstützung des Aufbaus von Bürgerorganisationen in Düren 3. Thesen zum Verhältnis von GWA, Sozialer Arbeit und QM Die Diplom- Sozialabeiterin Hille Richers (GWA Düren) und Prof. Michael Rothschuh (FH in Hildesheim) setzen sich mit dem Verhältnis von Quartiersmanagement (QM), Gemeinwesenarbeit (GWA) und Sozialer Arbeit auseinander. Im Zusammenhang mit den Programmen der sozialen Stadtteilentwicklung haben sich ein neuer Aufgabenkomplex und eine neue berufliche Funktion herausgebildet, deren Name zwischen Stadtteil- und Quartiersentwicklern, Stadtteilmanagern, Quartiers- oder Stadtteilmoderatoren und zunehmend Quartier(s)managerInnen changiert. Unter dieser Bezeichnung sind Architekten, StadtplanerInnen, Freiraumplaner, Soziologinnen, Biologen, Lehrer und viele andere tätig, sowie auch SozialarbeiterInnen, die sich teilweise als GemeinwesenarbeiterInnen verstehen. Ziel des Workshop ist es zu klären,
Richers und Rothschuh gehen in drei Schritten vor: Facetten des QMMichael Rothschuh stellt Facetten des QM vor unter der Fragestellung, welche Institutionen mit welcher Interessenlage mit welcher Berufsgruppe QM anbieten. Dies reicht von City- Geschäftsleuten, die einen ehemaligen Hotelier zur Verbesserung des Quartiersimages einstellen, über Sicherheitsdienste, die neben Alarmanlagen auch QM anbieten, bis hin zu Wohlfahrtsunternehmen mit einer klassischen sozial- betreuenden Ausrichtung. Hinzu kommen Unternehmensberatungen, Wohnungsbauunternehmen, Stadtentwicklungsgesellschaften und kommunale Einrichtungen, die QM vorwiegend im Zusammenhang mit Stadtentwicklungsprogrammen einrichten. Quartiersmanagement
Gemeinsam ist den verschiedenen Ansätzen, dass sie – allerdings unterschiedlich interpretierte- "soziale Probleme" adressieren, dass sie ihr Angebot in Anlehnung an die verschiedenen Bausteine insb. des Programms "Soziale Stadt mehrdimensional ausrichten sowie jeweils in irgendeiner Form BürgerInnen beteiligen wollen. Die jeweiligen Handlungskonzepte werden dabei nur sehr begrenzt expliziert, es fehlt zumeist eine begründete Verbindung zwischen Zielen, den zur Verfügung stehenden Ressourcen und angestrebten Wegen zu den Zielen. Das "Management" eines Quartiers erscheint als für Öffentlichkeit und die Politik attraktive und lohnende Tätigkeit, denn - es wird versprochen, Probleme verschiedenster Dimensionen zu "managen" und nicht zu "lösen";- Interessenlagen werden als nicht-antagonistisch und deshalb als moderierbar vorgestellt; - "Steuerung von oben" und "Beteiligung von unten" erscheinen nicht als Gegensatz;- der Begriff des QM bleibt so unbestimmt, dass es kaum Maßstäbe für "Erfolg" oder "Misslingen" gibt; damit kann es gewissermaßen gar keinen Fehlschlag geben. Die Multidimensionalität und Unbestimmtheit des Begriffs des QM verdeckt weitgehend die unterschiedlichen Perspektiven und Handlungsorientierungen verschiedener Institutionen, Bevölkerungsgruppen und Professionen; deshalb wird die Konkurrenz zwischen den beteiligten Berufen auch nicht offen ausgetragen. Aus der Sicht der Tradition der sozialarbeiterischen GWA erscheint ein QM im Kern als identisch mit GWA- weil man in der folgenden Definition problemlos jeweils "Quartiersmanagement" durch "Gemeinwesenarbeit" ersetzen könnte "Beim Quartiersmanagement (hier könnte man ersetzen: "Bei der Gemeinwesenarbeit" M.R.) handelt es sich um einen strategischen Ansatz zum systematischen Aufbau von selbsttragenden und nachhaltig wirksamen personellen und materiellen Strukturen, die einer zukunftsweisenden Weiterentwicklung der Stadtteile dienlich sind. Mit dem Quartiersmanagement (hier könnte man ersetzen: "der Gemeinwesenarbeit" M.R.) werden Aktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner sowie engagierter Akteure in einem Gebiet unterstützt, wird der Aufbau von Projekten initiiert und gefördert. Quartiersmanagement (hier könnte man ersetzen: "Gemeinwesenarbeit" M.R.) vermittelt als intermediäre Instanz zwischen Verwaltung, Bewohnerschaft und Wirtschaft, zwischen ‚Bürokratie‘ und ‚Lebenswelt".(Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.) 2001: Arbeitspapiere Band 5, Dokumentation des Impulskongress Quartiermanagement, Berlin, S. 5) Festzustellen ist aber, dass Gemeinwesenarbeit und Soziale Arbeit nicht, wie es bei dieser Definition und auch der von der Sozialen Arbeit selbst oft beanspruchten Allzuständigkeit für soziale Probleme nahe liegen würde, die Profession erster Wahl für das QM sind. Wenn überhaupt Sozialarbeiterinnen/ Sozialpädagogen im Feld QM arbeiten, so sind sie selten an den Steuerungspositionen zu finden, sondern am ehesten auf der unmittelbaren Stadtteilebene, oft als zuständig angesehen zur Aktivierung oder auch Betreuung sonst nicht erreichbarer Armutsbevölkerung. Möglich wäre es einerseits, ein "idealtypisches Kompetenzprofil für das Quartiersmanagement" (so der Titel eines Aufsatzes von Schubert, Herbert, 2001:, VSON Beitrag, Rundbrief 3/2001, S. 12ff.) zu entwickeln und daraus ein eigenes Berufsbild mit entsprechender Ausbildung zu entwerfen, andererseits, danach zu fragen, welche spezifische Sichtweise und Kompetenz die verschiedenen bestehenden Berufe mit ihren Werten, Kenntnissen und Fähigkeiten in das Arbeitsfeld einbringen. In der Konkurrenz verschiedener Berufsgruppen um die Funktion QM kann sich Soziale Arbeit ihr Arbeitskonzept nicht allein von den – oft sehr unbestimmten - Programmen diktieren lassen, sondern muss ihre Sicht des "Sozialen Problems Stadtteil" und ihre damit korrespondierenden Lösungsansätze und Kompetenzen selbst bewusst und selbst begrenzend aktiv einbringen. Unterstützung des Aufbaus von Bürgerorganisationen in DürenDies geschieht mit Hilfe eines Praxisbeispiels: Hille Richers begründete anhand der Praxis der Gemeinwesenarbeit in Düren das Arbeitskonzept für Soziale Arbeit im QM. In Düren gibt es in Trägerschaft der Ev. Kirche eine qualifizierte,konzeptionell u.a. an der Auseinandersetzung mit Organisationsberatung und mit dem Community Organizing geschärfte, Gemeinwesenarbeit, die sich der neuen Aufgabe des Quartiersmanagements gestellt hat. Zentrales Ziel ist dabei der Aufbau, die Begleitung und Beratung der BürgerInnen- Selbstorganisationen, damit in den Stadtteilen handlungsmächtige Personen und Organisationen auf Seiten der BürgerInnen den anderen Institutionen und Interessengruppen in der Stadt(teil)entwicklung selbstbewusst gegenübertreten (können ). Deshalb lautet der Arbeitsauftrag, der im Kooperationsvertrag zwischen der Evangelischen Gemeinde zu Düren, Büro für Gemeinwesenarbeit, und der Stadt Düren: - Wohnquartiersbezogene Aktivierung in ausgewählten Gebieten des Stadteils Düren Süd-Ost- Vernetzung der sich daraus ergebenen Aktivitäten Das Hauptziel ist die Aktivierung der BewohnerInnen für den Aufbau von eigenständig handelnden Bewohnerorganisationen. Dies bedeutet, dass die BewohnerInnen den Veränderungsbedarf definieren, die Inhalte bestimmen und Entscheidungen fällen und nicht vornehmlich reagieren auf von anderen, z.B. Verwaltung, Politik, Wohnungsbaugesellschaften sowie VertreterInnen sozialer Einrichtungen entwickelte Angebote zur Beteiligung und Projektgestaltung. Um dies zu können, brauchen sie Organisationsformen, die sich selber tragen, d.h. die notwendigen Aufgaben ( z.B. Außenvertretung) werden von den BewohnerInnen selber wahrgenommen. Sie vertreten ihre Interessen eigenständig nach außen (gegenüber Verwaltung, Politik und Wirtschaft und den übrigen BewohnerInnen im Stadtteil). In diesem Sinne selbst tragend heißt nicht, dass sie völlig ohne Begleitung, z.B. von Gemeinwesenarbeit existieren können. Nach den Dürener Erfahrungen brauchen diese BewohnerInnen- Organisationen, je nach den vorhandenen Ressourcen und je nach Komplexität der vorgefundenen Situation mehr oder weniger Unterstützung im Sinne von Organisationsberatung. Dieses Konzept bedeutet eine Fokussierung und damit zugleich Beschränkung der Arbeitsweise und der Rolle der im Quartiersmanagement tätigen GemeinwesenarbeiterInnen. Damit wurde ein deutlicher Kontrapunkt gesetzt zu QM- Verständnissen bei denen die QuartiersmanagerInnen alles auf allen Ebenen- mit allen "Betroffenen" managen können. Thesen zum Verhältnis von GWA, Sozialer Arbeit und QMAuf dieser Grundlage wird von M. Rothschuh das Verhältnisses von GWA, Sozialer Arbeit und QM bestimmt. In Thesen kann das Ergebnis zusammen gefasst werden: 1) Quartiersmanagement wird durch multiple Erwartungen und zugeschriebene Aufgaben bestimmt, die in der Regel nur inter- professionell bearbeitet werden können. Inter-Professionalität setzt aber Bewusstsein der jeweils eigenen Profession voraus.2)
Quartiersmanagement kann als berufliche Funktion von
SozialarbeiterInnen kompetent wahrgenommen werden, für das sie einen
Arbeitsansatz nutzen, der aus der Tradition der Sozialen Arbeit und
Gemeinwesenarbeit entwickelt ist und neue Elemente aufgrund der
vorgefundenen Aufgaben aufnimmt. 3) GWA darf sich
nicht in "Orientierungen" erschöpfen, sondern braucht (wieder) eine
Unterfütterung in Methoden und Techniken, z.B. 4) GWA hegt ihre Randständigkeit in der Sozialen Arbeit. In Deutschland gibt es aber GWA (fast) nur in der Profession der Sozialen Arbeit. Wenn aber "handlungs-mächtige soziale Beziehungen stiften" der Kern der GWA ist, kann von dort aus auch der Kern der Sozialen Arbeit definiert werden. 5) Soziale Arbeit
ist immer zu definieren in der Dialektik von normativem und
despkriptivem Berufbild; deshalb verändert sie in den
geschichtlichen Prozessen fortwährend ihre Gestalt und ihr
Selbstverständnis u.a. durch den Fortfall oder das Hinzukommen von
Arbeitsfeldern. Die Definition der Sozialen Arbeit gewinnt so eine neue Dimension: SozialarbeiterInnen sind die, die gelernt haben, wie sie handlungs- mächtige soziale Beziehungen stiften, entwickeln, rekonstruieren und stützen können. |